Interview mit einer Psychologin der Säuglingsintensivstation:


Die Zeit auf der Säuglingsintensivstation stellt oft eine große Herausforderung für die betroffenen Eltern dar. All jene Dinge, die von Eltern gesunder Babys als selbstverständlich betrachtet werden, bleiben Eltern von Intensivkindern meist verwährt.

Stillen, Wickeln oder Kuscheleinheiten sind nicht selbstverständlich. Mütter und Väter kommen sich oft überflüssig vor und kämpfen mit dem Gefühl nicht genügend eingebunden zu werden. Wenn Schwestern die Aufgaben der Mütter übernehmen, so ist dies jedoch keine Schikane, sondern ein für das Kind überlebenswichtiges Vorgehen.


Welche Aufgaben können Eltern übernehmen? Diese Frage hat uns Julia Aichbauer, eine Psychologin der Säuglingsintensivstation beantwortet.

„In der ersten Linie hängt es immer vom Gesundheitszustand des Kindes ab. Je früher bzw. je kranker das Kind zur Welt kommt, desto weniger ist oft möglich. Gerade ein intubiertes Kind ist einfach sehr berührungsempfindlicht. Ich denke das hat weniger mit der Struktur oder mit dem Willen zu tun, dass man sagt, wir mögen das nicht, sondern der Gesundheitszustand ist eher das Hinderliche.“

„Im Prinzip wird versucht, sobald wie möglich, die Eltern in die Pflege einzubinden. Gerade bei den Frühchen sind manche Dinge nicht möglich, weil die Kinder einfach so berührungsempfindlich sind, dass eine geschultere Person einfach das Kompetentere ist. Was logischerweise für die Eltern sehr schwierig ist. Mütter die schnell einmal das Gefühl bekommen, ich als Mama darf nicht oder kann nicht.“

Oft sind Mütter auch erleichtert, dass die Pflege von einer geschulten Person übernommen wird, zu groß ist die Angst bei einem Frühchen etwas falsch zu machen.
Das Ziel ist primär schon Schritt für Schritt das selber machen“, erklärt die Psychologin.

Bei so vielen Babys, die eine intensive Betreuung benötigen, ist ein strukturierter Tagesablauf nicht wegzudenken.
Visiten und Besprechungen sind genau festgelegt.

„Das hat mit der Struktur zu tun. Erwünscht sind die Eltern so ab elf. Da ist dann die große Visite vorbei. Von elf bis halb vier und dann erst am späteren Abend wieder. Um 19 Uhr ist Dienstübergabe, da ist es dann auch nicht möglich. Um 9 Uhr ist Visite, es gibt unterschiedliche Pflegerunden; sechs bis acht Mal am Tag die Mahlzeiten; Fiebermessen über den Tag verteilt. Notfälle und neue Kinder bestimmen den Tagesablauf. Das ist dann auch oft ein Punkt, wo man Eltern hinausschicken muss. Primär muss die intensivmedizinische Versorgung da sein.
So dass man sagen könnte rund um die Uhr, ist es sicher nicht der Fall. Garantieren, dass die Eltern immer beim Kind sind, kann man nicht“,
erklärt Frau Aichbauer.

Man wird aber alles daran setzen, den Eltern so gut wie möglich den Besuch zu ermöglichen. Ich kann selbst aus Erfahrung berichten, dass auf konkreten Wunsch auch die Besuchszeiten ausgedehnt werden können. Kommen Neuankömmlinge, so geht die Gesundheit des Kindes natürlich vor und Besucher würden nur den Weg versperren. Im Vordergrund steht stets das Wohl des Kindes, aber auch die Bedürfnisse der Eltern werden nicht aus den Augen verloren.

Auf die Rechte der Eltern wird auch dahingehend viel Wert gelegt, dass zuerst die Eltern zum Kind gebracht werden und nicht weitere Verwandte. Sollte die Mutter jedoch den Wunsch äußern, dass eine weitere Person zB Oma zum Kind soll, da es der Mutter durch den Kaiserschnitt selbst nicht möglich ist, dann kann von dieser Regelung auch Abstand genommen werden.

„Prinzipiell ist es so, bevor die Eltern nicht beim Kind waren, dass sonst niemand hinein darf. Es geht primär darum, dass die Eltern die ersten sind, die das Kind sehen. Nicht dass schon die ganze Verwandtschaft dort war, bevor die Mama dort war“, erläutert die Psychologin.

Hauptsächlich werden auf der Säuglingsintensivstation Frühgeborene behandelt, aber es gibt auch andere Gründe weshalb ein Baby auf die Intensivstation gelegt wird, erklärt Frau Aichbauer: „Vor allem liegen Frühgeborene dort, aber auch Neugeborene, die schwer krank auf die Welt kommen. Fehlbildungen oder auch nach komplizierten Geburtsverläufen, dass die Kinder zB keinen Sauerstoff bekommen, einfach wo intensivmedizinische Maßnahmen notwendig sind“.

Der größte Wunsch der Eltern ist gewiss, ein gesundes Baby möglichst schnell mit nach Hause nehmen zu können. Als grober Richtwert ist der errechnete Geburtstermin anzusehen, wenn es zu keinen gröberen Komplikationen kommt.

„Kinder kommen mit demselben Alter mit unterschiedlichem Gewicht zur Welt. Oder sind auch schon reifer, auch wenn sie kleiner sind. Es ist für die Eltern oft schwierig, wenn man ihnen nicht sagen kann, wann die Kinder nach Hause kommen“, so Julia Aichbauer.

Nicht nur die Hoffnung das Kind endlich mit nach Hause zu bekommen, beschäftigt viele Eltern. Ängste, Verzweiflung und Erschöpfung sind oft die täglichen Wegbegleiter. Die PsychologInnen der Säuglingsintensivstation nehmen Kontakt zu den Eltern auf um Ihnen die Möglichkeit zu geben, Hilfe in Anspruch zu nehmen.


„Es ist für die Mama meist etwas sehr Belastendes. Wobei auch die Leute unterschiedlich damit klar kommen.
Es wird auch unterschiedlich in Anspruch genommen. Meistens stelle ich mich vor und sehe dann die Eltern auf der Station wieder bei ihren Kindern. Es ist eher selten, dass Eltern gesondert einen Termin wahrnehmen. Ich denke es ist meistens einfach sehr anstrengend, das zu händeln, beim Kind zu sein, den Haushalt noch zu führen, wenn vielleicht auch schon andere Kinder da sind. Ich denke, die Frauen sind einfach sehr beansprucht und es ist erstaunlich was die Eltern schaffen“.


Doch von wem geht diese Betreuung aus?

„Ich gehöre zur Station. Einmal die Woche gibt es eine psychosoziale Besprechung, wo die Schwestern, die für die Kinder zuständig sind, der stationsführende Oberarzt, gemeinsam mit mir und einer Sozialarbeiterin einfach kurz besprechen, wie geht es dem Kind. Wie geht es den Eltern, gibt es irgendwelche Probleme, oft sind es auch sozialarbeiterische Dinge. Nachbetreuung wird sehr wenig in Anspruch genommen. Viele sind dann, denke ich, so froh, dass endlich alles vorbei ist, dass es kaum in Anspruch genommen wird. Aber die Möglichkeit gäbe es auf jeden Fall“.

Wird eine längerfristige Hilfestellung gewünscht, so können die PsychologInnen der Säuglingsintensiv auch helfen, den geeigneten Betreuungsplatz zu finden.
Oft kursieren auch die Horrormärchen, dass Babys in andere Bundesländer verlegt werden. Diesbezüglich kann uns Frau Aichbauer beruhigen.


Rosenheim ist das nächstliegendste Krankenhaus mit ähnlicher Ausstattung. Wobei es eher unwahrscheinlich ist, dass ein Kind von Intensivstation zu Intensivstation transferiert wird“.

Sollte aus Platzmangel eine Überstellung absolut nötig sein, so haben die Eltern immer die Möglichkeit bei ihrem Kind zu bleiben.

Noch einmal zurück zur Betreuung der Babys. Eigens ausgebildete Säuglingsintensivschwestern kümmern sich liebevoll um die kleinen PatientInnen. Für jedes Kind ist eine Schwester zuständig. Als mein Sohn auf der Intensivstation lag, war ich überrascht über die liebevolle und einfühlsame Betreuung von den Schwestern. Mein Sohn erhielt einen netten Kosenamen, er wurde umsorgt und dermaßen liebevoll behandelt, dass ich ihm zu diesem Zeitpunkt sicher nicht mehr Zuwendung und Liebe geben hätte können. Ließ es die Zeit der Schwestern zu, wurden Fotos, Fußabdrücke und nette Kärtchen für die Eltern gebastelt.

Auch die Möglichkeit mein Kind zu stillen, wurde mir Tag und Nacht ermöglicht.

„Bei Frühgeborenen ist erwiesenermaßen das Beste die Muttermilch. Es ist sicher auch von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich. Prinzipiell wird das Stillen sehr unterstützt. Es wird aber auch niemand gedrängt, der nicht möchte“, erklärt mit mir Frau Aichbauer.

Auf den Wunsch der Eltern wird auch beim Stillen geachtet, solange es der Gesundheitszustand des Kindes zulässt.
Auch wenn die Zeit der Intensivstation für Eltern oft eine große psychische Herausforderung darstellt, ist es gut zu wissen, dass der Nachwuchs in jeder Hinsicht in guten Händen ist. Gute Medizinische Betreuung und liebevolle Pflege sind auf der Säuglingsintensivstation sichergestellt.

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