Auszug aus dem Buch "Frühgeburt als Herausforderung"
Frühgeburt als Herausforderung von Klaus Sarimski erschienen im Hogrefe Verlag für Psychologie
Exzessives Schreien bei gesunden und frühgeborenen Säuglingen
Schreien, Weinen, Nörgeln oder Quengeln sind normale Phänomene der kindlichen Entwicklung die adaptive Ausdrucksmittel des Säuglings, um Hunger, Durst, Schmerz oder das Bedürfnis nach Kontakt auszudrücken. Das zeitliche Muster des täglichen Schreiens verändert sich im Laufe des ersten Lebensjahres. Während es sich in den ersten drei Monaten auf die Nachmittags- und Abendstunden konzentriert, verteilt es sich später gleichmäßig auf die Wachzeiten. Dauer und Häufigkeit sind jedoch individuell sehr unterschiedlich. Epidemiologische Daten ergaben, dass sich jede achte Mutter in den ersten fünf Monaten durch das Schreien ihres Babys hoch belastet fühlt. Exzessives Schreien als klinisches Problem ist definiert nach der sogenannten Dreier-Regel: „Anfälle von Schreien, Irrigierbarkeit oder Nörgeln, die länger als drei Stunden am Tag dauern, an mehr als drei Tagen in der Woche auftreten und seit mehr als drei Wochen angedauert haben.“ Lange Zeit wurden Verdauungsprobleme „Koliken“ als Ursache exzessiven Schreiens im Säuglingsalter angenommen. Forschungsarbeiten haben jedoch bei den meisten Kindern mit exzessiven Schreien weder gastrointestinale Störungen noch einen Reflux oder eine Nahrungsmittel- oder Milchunverträglichkeit nachweisen können, die die Probleme der Kinder erklärten. Andere Untersucher gingen von der Vermutung aus, exzessives Schreien sei Ausdruck und Folge ungünstigen elterlichen Beziehungs- und Interaktionsverhaltens. Auch für die Ursachenhypothese finden sich keine überzeugenden Belege. So tritt das exzessive Schreien zB nicht häufiger bei erstgeborenen Kindern als bei später geborenen Kindern auf, wie zu vermuten wäre, wenn die Unsicherheit der Eltern eine entscheidende Rolle spielte. Da die Babys viel schreien und quengeln verbringen sie lediglich mehr Zeit mit dem Versuch, das Baby zu beruhigen und zu trösten, tragen es herum oder versuchen es abzulenken, wenn es weint. Sie bemühen sich, auf die Bedürfnisse des Babys liebevoll einzugehen, empfinden das Kind jedoch schwieriger in seinem Temperament und fühlen sich entsprechend erschöpft. Unterschiede in der mütterlichen Responsivität sind jedoch für den weiteren Verlauf von Bedeutung. Ein Teil der Kinder entwickelt sich sehr positiv. Es handelt sich dabei vorwiegend um Kinder, bei denen die Mütter sich sehr um Zuwendung und Halt für das Baby bemüht hatten. Wenn die Mütter in den ersten Monaten weniger auf die Spielinteressen und Signale des Kindes eingingen, fanden sich im zweiten Lebensjahr häufiger schwierige und ablehnende Verhaltensformen bei den Kindern. Es fanden sich zudem Zusammenhänge zur Entwicklung des Schlafverhaltens. Diejenigen Kinder schliefen häufiger durch, deren Mütter auf die Bedürfnisse des Kindes im Spiel eingingen, dabei jedoch eine gewisse Struktur im Tagesablauf vorgaben und dem Kind auch zumuteten, für einige Minuten allein zu bleiben, wenn es schrie. ….
Frühkindliche Ein- und Durchschlafprobleme:
Exzessives Schreien und Schlafstörungen treten in vielen Fällen gemeinsam oder zeitlich nacheinander auf. Über zwei Drittel der Kinder, die in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres mit Schlafstörungen vorgestellt werden, werden von ihren Eltern retrospektiv als sehr irritierbar Babys geschildert. … Die Gesamtschlafdauer reduziert sich im Laufe der ersten drei Lebensjahre von 14 bis 16 Stunden auf 11 bis 12 Stunden. Die Schlafperioden am Tag nehmen ab. Die nächtliche Schlafdauer einjähriger Kinder variiert von 11 bis über 14 Stunden, ist aber beim einzelnen Kind ziemlich konstant. Videoanalysen mit Infrarotkameras zeigten, dass alle Säuglinge und Kleinkinder mehrmals aufwachen. Kinder mit Schlafstörungen unterscheiden sich aber in ihrem Verhalten im Moment des Aufwachens von denen, die in den Augen der Eltern gut durchschlafen. Sie rufen nach den Eltern oder schreien, während es jenen gelingt sich selbst zu beruhigen und in den Schlaf zurückzufinden. Ob aus dem nächtlichen Aufwachen zwischen einzelnen Schlafphasen eine Durchschlafstörung wird, scheint von den Erfahrungen abzuhängen, die Kinder beim Einschlafen machen. So entwickeln Kinder häufiger Schlafprobleme, wenn sie länger gestillt oder nachts gefüttert werden, auf dem Arm oder in Anwesenheit der Eltern einzuschlafen gewohnt sind oder im Elternbett schlafen.
jeeny - 6. Feb, 10:37





