Interview mit der Säuglingsintensivschwester Birgit Reindl


„Toleranz entsteht durch Tun, ist eine meiner Grundeinstellungen, weil ich mir denke, alles was ich tue hat auch eine Wirkung nach außen und für das Ganze", so beginnt mein Gespräch mit der Säuglingsintensivschwester Birgit Reindl.

Doch was hat Birgit Reindl mit diesem Satz genau gemeint?

„Veränderung passiert immer dann, wenn ich Veränderung vorlebe. Und so ist es auch mit Toleranz. Jeder Mensch ist anders, jedes Kind ist anders, jede Mama, jeder Papa ist anders und jeder wünscht sich, dass man ihm in seinem Sein begegnet. Und das versuchen wir auf der Station auch zu leben. Verändert hat sich zB in den letzten Jahren, dass Geschwisterkinder mit herein dürfen, dass die Besuchszeiten noch flexibler geworden sind und dass außer den Eltern auch noch andere Besucher mitkommen dürfen. Wobei ich die Eltern immer darauf hinweise, dass jeder Besucher der zusätzlich kommt, natürlich auch eine Infektionsquelle für die ganze Station und das Kind ist, dennoch sollten die Eltern die Möglichkeit haben, Menschen die ihnen wichtig sind, mitzubringen.“

Wickeln, Visiten oder Pflegerunden, der Tagesablauf auf der Säuglingsintensivstation ist dennoch immer anders.

Birgit Reindl erklärt dazu:

„Das kann man nicht verallgemeinern, das ist nicht wie in einem Büro, um 9.00 Uhr habe ich fixe Arbeiten und um 10.00 Uhr gehe ich immer in die Kaffeepause. So stelle ich mir zumindest einen Büroalltag vor. Bei uns, das kommt es sehr darauf an, welche Kinder ich zu betreuen habe, da es bei einem sehr kleinen Frühgeborenen (500 Gramm zB) einen anderen Tagesablauf gibt, als bei einem Termingeborenen, das krank ist. Da es bei einem beatmeten Kind einen anderen Tagesablauf gibt wie bei einem Kind, das nicht beatmet ist. Aber generell ist es so, da gibt es den Frühdienst, der um 6.40 Uhr beginnt. Dann gibt es die Dienstübergabe vom Nachtdienst an den Tagdienst, von der betreuenden Schwester wird das Kind. an die nachkommende Schwester übergeben. Man hat allerhöchstens drei Kinder zu betreuen, sowohl im Tag- als auch im Nachtdienst. Am Tagdienst sind es meistens nur zwei Kinder."

„Bei der Antrittskontrolle schaut man, ob der Monitor richtig eingestellt ist und die Infusionen richtig laufen. Wenn Kinder zu baden sind, wird das auch oft in der Früh gemacht, weil es einfach ruhiger ist. Die ersten Pflegerunden sind um 8.00 Uhr die hat jedes Kind, dann heißt es vorbereiten auf die Visite. Die Visite ist an jedem Patientenbett extra. Dann muss die Visite ausgearbeitet werden. Es gibt eine eigene Schwester die nur die Infusionen mischt. Wenn die Visite vorbei ist, beginnt auch die Besuchszeit und da rufen Eltern meistens schon an, so gegen 11.00 Uhr. Da dürfen dann die ersten Besucher rein, denn während der Visite ist Datenschutz. Über die Mittagszeit ist der Spätdienst schon da, meistens wenn es möglich ist, erfolgt eine Eins-zu-eins-Betreuung. Auf eine Schwester kommt ein Kind. Dann schauen wir, wie wir die Eltern integrieren können. Um 11.00 Uhr ist dann meistens die zweite Pflegerunde, bei Kindern die acht Mahlzeiten haben.“

Das Arbeiten mit Intensivkindern erfordert viel Einfühlungsvermögen und Geduld. Dennoch sieht Frau Reindl die Aufgabe nicht als schwierig.

Birgit Reindl erklärt uns ihren Standpunkt folgendermaßen:

„Ich kann nur für mich persönlich antworten. Nicht umsonst heißt unsere Station „Intensivstation“ und gerade die kleinsten Kinder sind sehr intensiv, intensiv auf allen Ebenen. Das heißt, sowohl auf der medizinischen Basis, als auch auf der emotionalen Basis. Und so ein kleiner Wurm kann einen dann ganz schön berühren, ganz tief drinnen im Herzen und da ist es dann oft schwierig, wenn man am Abend wieder raus geht, abzuschalten.“

„Unberührt möchte ich nie sein, denn dann bin ich falsch in diesem Beruf. Wenn es mich nicht mehr berührt, dann bin ich nicht richtig, denn ich arbeite mit Menschen, kleinen Menschenwesen, und es soll mich berühren, nur nicht belastend berühren. Oder nicht so, dass ich zu Hause nicht schlafen kann, weil es einem Kind nicht gerade gut geht. Und oft ist es da schwierig sich abzugrenzen."

"Die Frage, was ist schwierig, löst bei mir aus, dass eigentlich nichts schwierig ist, und trotzdem gibt es aber Sachen die schwierig sind. Alles was schwierig erscheint, hat was drinnen, woraus man lernen kann. Allgemein die Arbeit auf einer Intensivstation hat etwas Schwieriges. Die Kinder sind eine Herausforderung, und dieser Herausforderung stellt man sich gerne – also ist es nicht schwierig.“

Warum liegen Säuglinge überhaut auf der Intensivstation, diese Frage hat uns Frau Reindl beantwortet.

„In Innsbruck sind Frühgeborene und kranke Neugeborene, das heißt, dass wir auch termingeborene Kinder haben, die krank sind, die zB einen Herzfehler haben oder eine Stoffwechselerkrankung. Was wir auf der Säuglingsintensiv nicht aufnehmen, sind Kinder, die schon einmal zu Hause waren, die kommen dann auf die pädiatrische Intensivstation. Das hat den Grund, dass Kinder, die schon einmal daheim waren, ein anders Keimspektrum haben, wie Kinder, die nur im Krankenhaus waren und wir eher vermeiden wollen, uns solche Keime einzuschleppen.“

Eltern würden ihre Kinder selbstverständlich am liebsten auf der Stelle mit nach Hause nehmen. Immer wieder werden Ärzte und Schwestern gefragt, wie lange das Baby denn noch bleiben muss. Doch diese Frage kann meist nicht beantwortet werden, so die Säuglingsintensivschwester Birgit Reindl:

„Das kann man nicht sagen, das hängt vom Kind ab, von der Erkrankung ab. Manche Kinder sind schneller und manche Kinder brauchen einfach ein bisschen länger. Bei sehr kleinen und kranken Kindern ist es oft so, dass es jeden Tag besser gehen kann, dass es aber auch jeden Tag die Möglichkeit besteht, dass sie etwas dazubekommen. Wenn Eltern mich fragen: „“Wie lange denn Schwester … und sie haben doch die Erfahrung, muss das Kind denn bleiben?“, dann ist meistens meine Standardantwort, „wenn ich das wüsste, könnte ich dem lieben Gott Konkurrenz machen.“

Insgesamt können auf der Säuglingsstation in Innsbruck 12 Kinder untergebracht werden. Jedes Bett ist mit einem Beatmungsgerät ausgestattet. Ein Platz sollte jedoch stets für Akutaufnahmen zur Verfügung stehen. Oft ist der Schock groß, wenn man sein Kind auf der Intensivstation besuchen möchte, das Baby aber bereits auf eine Nachfolgestation verlegt wurde. Eltern brauchen hierbei aber keine Angst zu haben, Kinder werden nur dann verlegt, wenn es der Gesundheitszustand auch zulässt. Wird dringend ein Bettchen benötigt, da ein Akutfall eintrifft, so wird stets das gesündeste Kind verlegt.

Im Gegensatz zu Eltern von gesunden Kindern, sind Eltern von Intensivkindern oft die Hände gebunden. Mütter kommen sich hilflos oder nutzlos vor.

Doch es gibt immer etwas was Eltern für ihre Kinder tun können, erklärt Frau Reindl.

„Aus meiner Sicht ist die primäre Hauptaufgabe der Eltern dazusein. Und auch wenn man sein Kind nicht immer in dem Ausmaß umsorgen kann, wie man es sich vielleicht wünscht, bin ich der festen Überzeugung, dass die Kinder die Anwesenheit der Eltern alleine schon wahrnehmen, spüren und dass es ihnen gut tut und dass es sie unterstützt, beim Gesundwerden und wachsen. Wir schauen darauf, dass die Kinder sobald als möglich zur Mama oder zum Papa erauskommen. „Känguruen“ nennt man das, (Hautkontakt kriegen) und das hängt wieder davon ab, wie krank oder wie klein das Kind ist und da ist oft die Geduld gefragt. Was die Eltern von Anfang an, bei allen Kindern machen können, ist, mit der Hand in den Inkubator oder ins Bett zu greifen, zu berühren, mit ihnen zu reden, etwas vorzulesen oder etwas vorzusingen.“

„Sobald die Kinder es vom Krankheitsbild her tolerieren, werden die Eltern eingebunden in die Pflege. Wickeln, Eincremen, Nahrungsgabe, wenn es möglich ist. Eltern werden eingelernt beim Sondieren und sollen die Mundpflege machen. Also wir schauen darauf, die Eltern sobald als möglich einzubinden. Dabei ist mir aber klar, dass es für uns oft eh schon sehr schnell geht und für die Eltern jeder Tag lang ist, der gewartet werden muss, damit sie endlich einmal richtig etwas an ihrem Kind machen dürfen.“

Auch das Stillen wird unterstützt.

„Auch frühgeborene Kinder können gestillt werden, sobald man sie herausnehmen kann. Es muss mit dem Arzt abgesprochen werden, ob die Kinder aus dem Inkubator heraus dürfen. Ob sie die Temperatur heraußen halten können und dann kommen sie so schnell es geht zum Busen, soweit die Mama das will. Intubierte Kinder kann man nicht stillen, weil sie nicht schlucken können durch den Tubus.“

Die vielen Schläuche und Geräte können Eltern richtig Angst machen. Gerade wenn man das Kind herausnehmen darf, kommen Ängste zum Vorschein. Eltern fürchten sich davor, bei den Schläuchen etwas falsch zu machen oder das Kind zu verletzen.

Frau Reindl kann die Eltern dahingehend beruhigen.

„Zum einen steht immer eine Schwester neben den Eltern, die einen unterstützt und meistens ist es so, dass wir die Kinder herausnehmen, herauslegen, dass die Mama bequem auf ihrem Stuhl sitzt. Eben auch wegen der vielen Schläuche, dass da nichts passiert. Wenn die Kinder länger da sind, wird die Mama auch da eingelernt. Bei welchem Schlauch es nichts macht, wenn der mal abknickt und auf welchen man besonders schauen muss. Ich versuche von Anfang an den Eltern zu erklären, für was welcher Schlauch wo hängt, damit sie auch ein bisschen den Schrecken davor verlieren.“

Frau Reindl lässt uns auch wissen, was die schönen Momente auf der Säuglingsintensivstation sind, die sie auf keinen Fall missen möchte.

„Natürlich sind ganz besonders schöne Erlebnisse immer dann, wenn es kleine Fortschritte gibt, wenn sich Kinder erholen, wenn es ihnen besser geht, wenn sie verlegungsfähig sind und jedes Kind ist für sich besonders, jedes ist einzigartig. Man glaubt immer, dass man von den Kindern nicht viel zurückbekommt, aber die haben ein ganz besonderes Strahlen in den Augen, wenn sie die Augen aufmachen. Alleine schon, wenn ein Kind schreit und du legst die Hand hinein und es hört auf zu schreien, dann ist das ein schönes Erlebnis. Oder strahlende Mutteraugen, wenn ein kleines Frühgeborenes zum ersten Mal zur Mama herausgelegt wird und die Mutter einen „niederstrahlt“ vorlauter Gaudi. Oder einem Kind geht plötzlich der Knopf auf und es trinkt die ganze Flasche leer, das wird dann meistens mit einem Herzerl umrandet in der Kurve, damit es ja jeder sieht. Wenn Frühgeburten, die noch nie die Augen geöffnet haben, plötzlich drinnen liegen und einen ansehen mit großen Glupschaugen, das sind kleine Sachen die schön sind und gleichzeitig sind es aber großartige Dinge.“

Wenn es die Zeit zulässt werden Fotos und Fußabdrücke von den kleinen Zwergerln gemacht.

„Das ist da, um eine Beziehung zu den Eltern aufzubauen, weil meistens ist es ja so, dass Kinder die bei uns landen ja nicht gerade die glückliche und problemlose Geburt hinter sich haben und somit geht es auch meistens den Müttern nicht wirklich gut. Da gibt es Mamas, die zwei Tage lang nicht kommen können, weil sie einfach nicht fit genug sind und wir denken uns einfach, dass es unterstützend für die Mama sein kann, wenn dann „Post von ihrem Kind kommt. Wenn mit der Rohrpost ein Foto kommt und ein Fußabdruck und ein paar Zeilen dabei zB „Verdaue meine Nahrung“. Dass die Mutter auch einen Bezug zum Kind bekommt, denn ich stelle es mir ganz schwierig vor, wenn man ein Kind im Bauch hat und plötzlich ist es weg.“

Mein Sohn hat auf der Intensivstation Kosenamen erhalten, was ich als sehr berührend und positiv empfunden haben, da ich wusste, dass mein Sohn in guten Händen ist.

„Kosenamen entstehen oft im Team. Kinder die zB so zu früh kommen, wo Eltern noch gar nicht wissen, wie sie heißen, dann lässt man sich halt was einfallen, um das Kind irgendwie zu benennen Generell denke ich mir, dass es eher was ist, mit dem man vorsichtig umgehen sollte, weil es nicht unsere Kinder sind.

Selbstverständlich haben wir eine Beziehung zum Kind, aber wir sollten achtsam damit umgehen. Sich immer bewusst sein, dass man das Geschenk hat, diese Kinder zu betreuen und zu den Kindern gehören die Eltern. Und gerade bei Langzeitkindern sehe ich das oft schon schwierig, mit der Eifersucht der Eltern umzugehen. Denn wenn ich als Elternteil nur neben dem Inkubator sitzen darf, während die Schwester mein Kind angreift und mehr Stunden mit dem Kind verbringen kann, als ich selbst, ist es schon schwierig und das darf man auch nicht unterschätzen. Wenn ich dann auch noch Kosenamen für das Kind habe, mach ich es vielleicht für die Mama noch schwieriger.“

Also nicht nur das Wohl der Kinder sondern auch das der Eltern liegt Birgit Reindl sehr am Herzen.
Säuglingsintensivschwester Beruf oder Berufung?


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